Vom Dr. Jekyll zum Mr. Hyde der Krebsimmuntherapie

Neue Immuntherapien können die körpereigenen Abwehrwaffen gegen Krebszellen schärfen. Bei einigen Patienten führt das sogar zur Rückbildung bereits fortgeschrittener Tumoren. Teilweise versagt jedoch diese Strategie. Die Ursachen lagen bislang weitgehend im Dunkeln. Ein internationales Forscherteam unter Führung der Universitätsklinika in Magdeburg und Bonn hat nun einen körpereigenen "Bremsmechanismus" aufgedeckt, der die Wirksamkeit der Krebsimmuntherapie begrenzt. Die Ergebnisse, die im renommierten Fachjournal "Immunity" erschienen sind, können bei der Weiterentwicklung der Krebsimmuntherapie helfen.
Bild: Darstellung von Lymphozyten im Blut; Copyright: panthermedia.net/lightsource

Dem Forscherteam um Prof. Dr. Michael Hölzel ist es gelungen zu zeigen, dass die sogenannten Neutrophile die Immuntherapie bei turmorkranken Mäusen behinderten, indem sie die T-Lymphozyten an ihrer eigentlichen Aufgabe - dem Bekämpfen von Krebszellen - hinderten, statt sie zu unterstützen.
Bestimmte Zellen der Immunabwehr, sogenannte T-Lymphozyten, können nicht nur Viren und Bakterien, sondern auch entartete Krebszellen gezielt erkennen und zerstören. Moderne Therapien mit sogenannten "Immun-Checkpoint-Inhibitoren" greifen in Steuerungsvorgänge der zellulären Immunabwehr ein und verstärken so die körpereigene Erkennung und Abtötung von Krebszellen. Dieser völlig neuartige Behandlungsansatz wurde ursprünglich für Patienten mit schwarzem Hautkrebs entwickelt und in der Folge auch bei einer Reihe anderer Krebsarten mit beachtenswerten Erfolgen angewendet. Allerdings zeigt die Immuntherapie bei vielen Krebspatienten nur vorübergehende oder überhaupt keine Wirkungen. Warum dies so ist, wird weltweit von zahlreichen Forschergruppen untersucht.

Einem internationalen Forscherteam aus Deutschland, Australien und Belgien ist es nun unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Hölzel vom Institut für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Bonn und Prof. Dr. Thomas Tüting von der Universitätshautklinik in Magdeburg gelungen, eine wichtige Ursache für die begrenzte Wirksamkeit der Krebsimmuntherapie herauszufinden. Dabei kommt eine weitere Art von Immunzellen ins Spiel, nämlich die neutrophilen Granulozyten - kurz: Neutrophile. Wie die T-Lymphozyten gehören auch die Neutrophilen zu den weißen Blutkörperchen, sie befinden sich mit Abstand am häufigsten im Blut.

"Neutrophile stehen an vorderster Front, wenn es darum geht, eingedrungene Bakterien zu bekämpfen, aber auch Krebszellen können von ihnen angegriffen werden", erklärt Prof. Hölzel. "In unseren experimentellen Modellen beobachteten wir bei tumorkranken Mäusen, dass Neutrophile die Wirkung von Immuntherapien abschwächten, weil sie plötzlich T-Lymphozyten hemmten, anstatt ihnen zu helfen" erläutert Prof. Tüting.

"Grund für die unerwartete Wesensänderung der Neutrophilen waren Botenstoffe, die durch den Angriff der T-Lymphozyten im Krebsgewebe freigesetzt wurden", berichten die Erstautoren Dr. Nicole Glodde und Dr. Tobias Bald. Es ist, als ob diese Botenstoffe ein zweites böses Ich der Neutrophilen zum Vorschein bringen. "Ähnlich wie bei der berühmten Romanfigur des gutherzigen Dr. Jekyll, der sich durch einen geheimnisvollen Trank in den gewissenlosen Mörder Mr. Hyde verwandelt", ergänzt Prof. Hölzel. Die Wissenschaftler vermuten, dass es sich dabei um einen Schutzmechanismus unseres Körpers handelt, der Entzündungen auch wieder einzudämmen hilft. "Im Falle der Krebsimmuntherapie ist dies allerdings eher hinderlich", meint Prof. Tüting.

Perspektivisch fand das Forscherteam heraus, wie man die Neutrophilen von ihrer verhängnisvollen Wesensänderung von Dr. Jekyll in Mr. Hyde abhalten könnte. Die Wissenschaftler sind zuversichtlich, dass ihre Ergebnisse eine Grundlage für weitere Untersuchungen und klinische Studien bilden, die zu wirksameren Krebsimmuntherapien in der Zukunft führen.

(MEDICA.de; Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)
 
 

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